Meiner Treu: Es ist Volksmusik

Oh mann da spricht mir jemand aus der tiefsten Seele!

Es muss doch mal gesagt werden dürfen, dass die singenden Gebrauchtwagenverkäufer die durch die Lande tingeln und sich ihr Zubrot mit wertekonservativem Minnesang verdienen eigentlich kein Recht haben sich „Volksmusikanten“ zu nennen.

Denn erstens musizieren sie nicht, sondern drücken lediglich die „Play“-Taste auf dem Aldi-Keyboard und schwenken dazu lustig den haarigen Adlerhorst den sie an einer Frisur statt tragen und zweitens mag man mich zwar einen Pedanten schelten, aber Musik die nur von Menschen mit pommerschem Akzent und Kriegswitwenrente gehört wird, kann schwerlich als „Volksmusik“ gelten.
Damals, als unsere Altvorderen noch täglich auf dem Felde von ihrer Hände Arbeit lebten und dabei Lieder über ihr Land oder die Ernte sangen, da mag man den Begriff der Volksmusik noch ohne Scham verwendet haben, weil er ehrliche Musik vom gewöhnlichen Volk für das gewöhnliche Volk bezeichnete. Was aber soll es bedeuten wenn Stefanie Hertel, geboren und wohnhaft in der SBZ, sich in königlich-bayrische Fetischgewänder hüllt und mit anbiederndem Bergvolkakzent singt „Über jedes Bacherl geht a Brückerl“? Was sind das für Zeiten in denen zynische Männer mit Zuhälterfrisuren in schlechtsitzenden unmodischen Anzügen mit Schulterpolstern Lieder darüber singen, wie sie in irgendeinem, geographisch nur grob definierten, Land am Strand einer beliebigen Schönheit die Freuden des deutschen Eineinhalbminutenkoitus beigebracht haben – die Tatsache, dass das ganze in mitleiderregend schlechte Primitivreime gefasst ist (“Grüß’ sie Gott holde Maid, machen’s doch die Beine breit!”) mindert nicht den Straftatbestand der musikalischen Päderastie (“Russischen Mädchen in kalten Wintern, besorgt man’s am besten in den …”).
Und überhaupt: Das amerikanische Pendant zur germanischen Gerontenmusik, nämlich Country- und Westernmusic, mag sicher nicht als Musterbeispiel progressiver und visionär-liberaler Sangeskunst gelten, aber man muss zugeben, dass „Joe Sixpack and the Wankers“ nicht nur geiler klingt als „Die Spackelberger Spermabläser“ (alter Kalkofe-Witz), sondern auch, dass Freund Kuhjunge nicht nur klischeehaft von der Schönheit des weiten Landes, der Sehnsucht nach der Geliebten und den Freuden des Negerlynchens singen kann, sondern dass es immer wieder neue Impulse in dieser Musik gab, die ihr nicht nur das nackte Überleben, sondern auch bleibende Wertschätzung über die Jahrzehnte hinweg sicherten. Bob Dylans frühe Lieder, geprägt von einer Stimme die mit zwanzig schon exakt so klang, wie Dylan erst heute aussieht (uralt), waren nicht nur eingängig, sondern sprachen dazu auch noch Millionen Menschen aus der Seele. Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Mitglieder und Sympathisanten der Baader-Meinhof-Bande sich jemals von einem „Marianne und Michael“-Song so berührt fühlten, wie von „The times they are a-changing“. Und deutsche Liedermacher habens auch nicht unbedingt leicht: Den zynischen und witzigen Hannes Wader haben die Medien mehr oder weniger ignoriert und Reinhard Mays Lieder sind mir nicht unbedingt wegen politischer Brisanz in Erinnerung ( obwohl “Über den Wolken” mit ein paar Textänderungen zum Luftwaffenhit hätte avancieren können: “Über den Wolken – sieh-hiet Frankreich ganz wi-hinzig aus/ werf’ ich dann meine Bombenlast ab, und ma-hach den Fran-hanzmann platt/ brennt Paris dann li-hichterloh, ja das mach mich ganz froh-o-ho-ho”) und der frühe Konstantin Wecker war zwar politisch, aber der barbarische Dialekt ruinierte die Botschaft (wie in dem Lied über seinen Freund der in der Kneipe von Nazis umgebracht wird: “Gee-stan, hom’ sen Willy daschlogn/ und heit, und heit, und heit, da wirta begroam”).
Auch einem anderen Helden der amerikanischen Folklore haben wir nie ein deutsches Gegenstück entgegensetzen können: Johnny Cash. Der frühe Johnny war ein Mann mit einer tiefen Stimme die einem Braunbär Minderwertigkeitskomplexe machen konnte und einem Hang zum Fusel - im Vollsuff fackelte er einmal ein kleines Wäldchen ab, wobei viele Exemplare einer extrem bedrohten Adlerart umkamen. Vor Gericht darauf angesprochen, krajohlte der immer noch restberauschte Sänger: “I don’t care about your goddamn’ buzzards!” Das liebe Leute, ist –bei aller Sympathie für den Umweltschutz- hundertmal cooler als sämtliche weinerliche “Mein Freund, der Baum ist tot”-Betroffenheitsmusik aus den deutschen Sechzigern. Abgesehen davon hat der Barde aber auch großartige Lieder gemacht, die so gar nicht in die heile Welt der Kuhtreiber passen will. “I shot a man in Reno, just to watch him die!” singt er einmal, oder “Early one morning while making the round, I took a shot of cocaine and I shot my woman down”. Und wenn ein Mann den Mut hat in das Staatsgefängnis San Quentin zu fahren und dort vor schwerbewachten Totschlägern, Mördern und Steuerflüchtlingen zu singen “San Quentin, what good do you think you do? Do you think I’ll be different when you’re through?” (was übrigens mit Gejohle, Applaus und “No!”-Rufen beantwortet wird), dann kommt man nicht umher festzustellen, dass Johnny Cash mehr von den Problemen seiner Landleute versteht und anspricht als die drei singenden Schweinchen von den Flippers. Außerdem hat der Mann schon vor Jahren mit “Ghostriders in the sky” ein Lied geschrieben, um dessen Titel ihn alle skandinavischen Teufelsrockgruppen der Gegenwart beneiden.
Was mich allerdings stets am meisten irritiert, ist wie die akustischen Luftverschmutzer die nicht zu den Großen völkischen Musikanten gehören, sondern in der tonalen Regionalliga spielen und wenige bis gar keine Platten verkaufen, denn mit ihrem Leben zurechtkommen. Sie singen, genau wie die „Spastelruther Katzen“ oder das „Napalm Duo“, ebenfalls verlogene Vorkriegslyrik, die durchsetzt ist mit schlechten Metaphern und albernen Reimen, und gehüllt ist in ein blechern tönendes, militärisch-stampfendes Uffta-Uffta-Musikgewand, zu dessen kakophonischem „Links-zwei-drei“-Marschrhythmus auch noch der taubste Waffen-SS-Veteran dumpf polternd die Hände zusammenschlagen kann. Aber während die Großen der Branche mit ihrem alljährlichen „Monsters of Polka“-Festival Abertausende Zuschauer in Open-Air-Konzerte locken, müssen die weniger erfolgreichen Rentnertainer auf Räumungsverkäufen von „Teppich Himmler“ in Braunau auftreten. Kann man denn damit genug Geld verdienen, um sich etwas Würde zurückzukaufen? Ich meine, wir alle tun gelegentlich Dinge auf die wir nicht stolz sind: Wir verleugnen gute Freunde, wir betrügen geliebte Partner oder verkaufen unseren Körper in dunklen Alleen an dicke, schwitzende, kahle Männer mit klebrigen Händen und Mundgeruch – dennoch stehen wir weit über jenen die ihre musikalische Integrität an den großen Satan Primitivmusik verkauft haben. Punkt.

und noch mehr aus dieser Quelle

http://www.menschheit-vernichten.org/index.x?id=1&artikel=65

http://www.menschheit-vernichten.org/index.x?id=1&artikel=2

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